Den vierteljährlich ausgeschriebenen Kurzgeschichten-Wettbewerb des Science-Fiction Magazins "Corona" (www.corona-magazine.de) nahm ich zweimal zum Anlass, mir selbst über Charaktere meines Romans klar zu werden. Die erste Kurzgeschichte drehte sich um Jonathan McGloominter, den ich bis zu diesem Zeitpunkt (Anfang 2007) nur lose als Wissenschaftler eingeplant hatte. Doch durch das Schreiben fand ich den Charakter immer interessanter und entschloss mich, eine der Hauptfiguren aus ihm zu machen. Das Resultat dieser ersten Kurzgeschichte ist (in erweiterter Form) der jetzige Prolog von EBQUIZEON. Auch wenn Corona keine der beiden Storys ausgewählt hat, bin ich aufgrund der dadurch entwickelten Ideen froh, mitgemacht zu haben.
Und hier ist die zweite der Geschichten, in der ich mehr über Zunken Deep erfahren wollte. Daraus habe ich ebenfalls ein paar Stellen in meinen Roman eingebaut. Inspiriert dazu hat mich übrigens das Konsolenspiel "The Darkness", in dem die Freundin des Hauptdarstellers Jenny heißt - aus ihr machte ich Jennifer Patton. Und wer jetzt fragt weshalb Patton: Die Stimme des Bösewichts im Spiel spricht der großartige Mike Patton, Sänger von Faith No More (großartige Band).
Großstadtpuls © Andreas Bulgaropulos, März 2008
Zunken Deep war teilweise im Waisenhaus aufgewachsen. Einem heruntergekommenen Heim für straffällige und obdachlose Jugendliche in Nephilim Cross, dem trostlosesten Viertel von Aquatica im Lower-North-Sector. Mit fünfzehn war er von dort abgehauen, weil er die Gemeinheiten des Personals und Gewaltausbrüche der Älteren nicht mehr ertrug. Angetrieben durch einen starken Überlebenswillen wollte er sein Glück wieder in den Straßen versuchen, dort, wo sie ihn bereits als Elfjährigen zwei Jahre nach dem Tod seiner Großmutter aufgegriffen hatten.
Zunächst lief alles wie früher. Zunken kannte noch die alten Tricks, um auf dem rauen und unbarmherzigen Pflaster der Großstadt zu überleben: Taschendiebstahl, Botengänge für Dealer, fingierte Schlägereien, die als Ablenkungsmanöver für die Cops dienten, damit irgendwelche Kleinkriminellen ihrem auf Dauer aussichtslosen Tagewerk nachgehen konnten. Und natürlich Identitätsbetrug, durch den man in den virtuellen Weiten des Extended-Reality-Space als beliebige Privatperson auftreten und eine Menge Geld machen konnte. Deep kannte sie alle. Doch mittlerweile war er älter. Schon bald merkte er, wie die Gewissensbisse kamen. Ihm wurde klar, dass dieser Lebensstil ihn unweigerlich auf dem Abstellgleis der Menschheit enden lassen oder ihn sogar das Leben kosten würde. Auf der Suche nach einem tieferen Daseinssinn irrte er monatelang durch die Straßen, hielt sich fern von jeglichen sozialen Kontakten und verwahrloste beinahe bis zum Hungertod. Zu jener Zeit wäre er tatsächlich lieber aus diesem Grund gestorben, als noch einmal etwas Unrechtes zu tun. Er empfand es wie eine Läuterung, nur noch am Bodensatz der Gesellschaft, im Abfall zu existieren und in den Schächten der Untergrundbahnen zu schlafen, deren zischende Antigrav-Antriebsgeräusche sich tief in seinen Verstand einbrannten. Kein Wort kam mehr über seine Lippen, keine innere Schutzbarriere stand mehr zwischen ihm und der alles verschlingenden Stadt. Er war die Geisel dieses Molochs. Er lud alle Schuld auf sich. Er begann, für alle da draußen zu büßen. Und die Antriebsgeräusche quälten ihn weiter wie Peitschenhiebe. Irgendwann summte er mit und lächelte dabei.
So fand ihn eines Tages die drei Jahre ältere Jennifer Patton in der Subtube-Station Santa Gabriel, als er sich im Lüftungsschacht vor dem Zugriff einiger Sicherheitsdroiden verkroch. Nachdem die Maschinen wieder verschwunden waren und er aus seinem Versteck hervorkam, stand sie vor ihm: einem Engel gleich, der vom Himmel in die hoch technisierte Welt herabgestiegen war, um ihn aus diesem Morast von Selbstzweifeln und innerer Leere zu führen. Mit mütterlich besorgtem Gesichtsausdruck und reiner Güte in ihrer Stimme nahm sie ihn bei der Hand und sagte:
„Mein Name ist Jenny. Ich glaube du brauchst dringend Hilfe, Kleiner. Komm mit mir. Du kannst vorerst bei mir bleiben, bis es dir wieder besser geht.“ Obwohl Zunken mit seinen fünfzehn Jahren fast so groß war wie sie, schien die mutige junge Frau sich nicht durch sein Äußeres abschrecken zu lassen. Mit großen Augen starrte er sie aus seinem schmutzverschmierten Gesicht an und ergriff zögernd ihre Hand. Sie lächelte, und von diesem Moment an war er wiedergeboren.
Während er sich in der folgenden Zeit bei ihr erholte, begann er wieder wie ein menschliches Wesen auszusehen und zögernd zu sprechen. Jenny war die wundervollste Person, mit der Zunken jemals zu tun gehabt hatte. Sie baute ihn solange seelisch und moralisch auf, bis er wieder in der Lage war, sich völlig zwanglos unter Menschen zu bewegen. Bald konnte er sogar einem ganz normalen Job in der Datenverarbeitung eines großen Softwareanbieters für virtuelle Szenarios nachgehen. Er blieb viel länger als geplant bei ihr wohnen, und es kam wie es hatte kommen müssen: die beiden verliebten sich. Inzwischen war sie einundzwanzig, er achtzehn. Deep fragte Jennifer irgendwann, warum sie das alles für ihn tat. Sie antwortete mit ihrem geheimnisvollen und unwiderstehlichen Lächeln:
„Oh, Baby … Weil ich natürlich weiß, dass es für dich eine Zukunft da draußen gibt! Jeder hat doch irgendein fernes Ziel, oder? Ich will, dass du eine Chance erhältst, es zu erreichen.“ Doch Deep war nicht dumm. Er bezeichnete sie zwar immer als seinen persönlichen Schutzengel, der ihm in der Santa Gabriel-Station erschienen war, aber er hatte längst die Narben an ihren Handgelenken bemerkt. Sie mussten von Stichen oder Schnitten herrühren … damit kannte er sich aus. Jedes Mal, wenn er sie direkt darauf ansprach, wich sie aus oder wechselte das Thema. Um sie nicht unnötig zu quälen, ließ er es dann immer dabei bewenden. Aber irgendetwas verschwieg sie ihm, und er war sich sicher, dass es mit ihm zu tun hatte.
An einem sehr heißen Sommerabend im Juli 2198 kam Jenny nicht von der Arbeit nach Hause. Zuerst machte sich Zunken keine allzu großen Sorgen, denn etwas Ähnliches war schon ein paar Mal vorgekommen. Als er jedoch von seiner Freundin nach zwei vollen Tagen immer noch nicht das Geringste gehört hatte und seine Anrufe bei sämtlichen Bekannten ergebnislos geblieben waren, ging er zur Polizei, um eine Vermisstenanzeige aufzugeben. Die Cops spulten ihr Programm ab, bei dem Deep nicht annährend das Gefühl bekam, etwas erreicht zu haben. Obwohl die private Suche nach MindCell-Signaturen illegal war, machte er sich daran, das Signal des Biochips in Jennys Gehirn durch intensive Recherchen im Ex-R-Space und unter Zuhilfenahme einiger Kniffe von früher aufzuspüren. Doch trotz seiner Fähigkeiten auf diesem Gebiet fand er in der gesamten Stadt keinen einzigen Kontrollpunkt, der ihre Signatur in den vergangenen Tagen registriert hatte. Da jeder Einwohner wenigstens ein Mal täglich an einem beliebigen Ort erfasst wurde, stürzte ihn diese ungeheuerliche Erkenntnis in einen Abgrund panischer Angst, denn ihr konnte nur etwas Schlimmes zugestoßen sein. Unruhig wie ein gefangenes Tier ging er in der Wohnung auf und ab. Mittlerweile waren sechs Tage verstrichen.
Zunken Deep wusste sich nicht mehr anders zu helfen und fuhr direkt zu Jennys Arbeitsplatz. Von ihrem Job hatte sie ihm nie viel erzählt, er wusste lediglich, dass sie für jenen Megakonzern tätig war, welcher sich infolge der Entdeckung des Brymm-Minerals auf dem Mond zum weltweiten Energieversorger Nr.1 entwickelt hatte. Nachdem er mit einem Gleitertaxi auf der Landeplattform des tausend Meter hohen Firmengebäudes der Skyrock Corporation angekommen war, begab er sich in die Personalabteilung. Dort wies die Abteilungsleiterin ihn nur nüchtern darauf hin, Jennifers Stelle bereits mit einer anderen Arbeitskraft besetzt zu haben. Hinweise über ihren Verbleib könne man ihm nicht geben. Völlig perplex verließ Deep das Gebäude aus Stahl und Bioglas wieder und erlitt auf dem Weg nach Hause einen Nervenkollaps. Zitternd gab er dem Taxi die Anweisung, ihn einfach irgendwo in den Straßen abzusetzen. Der Gleiter verließ umgehend den Verkehrsstrom zwischen den Hochhäusern und landete nach steilem Sinkflug auf der Grand City Avenue. Als er im regen Betrieb ausstieg, setzte unvermittelt in seinen Ohren ein schrilles, rhythmisches Geräusch ein. Es war ein so lauter und dissonanter Ton, dass Zunken die Hände an den Kopf riss und mit schmerzverzerrtem Gesicht in die Knie sank. Passanten blieben stehen und boten ihm Hilfe an, aber er war unfähig zu reagieren. Alles was er hörte war dieser irrsinnig laute Ton, der gar nicht mehr aufhören wollte. Er erhob sich und taumelte ein Stück auf dem Plastolite des breiten Gehsteigs entlang. Und da sah er es: feine Energieströme, die wie von einem Herzschlag getrieben durch den Boden pulsten. Sie kamen aus unterschiedlichen Richtungen, doch alle führten offensichtlich auf einen bestimmten Punkt zu … und das laute Geräusch in seinen Ohren schien im Einklang mit den Strömen im Boden an- und abzuschwellen. Deep konnte keinen klaren Gedanken mehr fassen, spürte eine Hitze in sich aufsteigen und brach ohnmächtig zusammen.
Im Krankenhaus von Capricorn Valley im Upper-West-Sector erlangte er das Bewusstsein wieder. Es ging ihm zwar besser, aber als die Ärzte ihm am nächsten Tag erklärten, dass sie bei ihm nichts feststellen konnten und ihn entließen, verschwieg er ihnen, dass er noch immer das Dröhnen in den Ohren hatte und auch noch die Energieströme sah: in den Wänden, der Decke, dem Fußboden, überall. Trotzdem fuhr er nach Hause. Dort vertiefte er sich abermals in die Recherchen nach Jenny, brach haufenweise Gesetze, fand dennoch nichts heraus, saß herum und grübelte. Stunden, Tage, Wochen.
Irgendwann traute Deep sich schließlich hinaus. Aber die ganze Welt kam ihm auf einmal falsch vor, jeder Moment kam ihm falsch vor, verkehrt herum und invers, wie weiß auf schwarzem Hintergrund. Er schlich durch die Mittagshitze der Stadt wie ein Schatten. Ziellos. Allein zwischen Millionen. Hier unten in den Straßen wurde das dissonante Geräusch in seinen Ohren wieder lauter, und da bemerkte er zum ersten Mal das fordernde Drängen des lauten Tons. Es schien ihn in irgendeine Richtung leiten zu wollen, den Energieströmungen hinterher. Zuerst versuchte er dies zu ignorieren, denn er machte sich inzwischen ernsthafte Sorgen um seine geistige Gesundheit. Doch bald konnte er die Zeichen um sich herum einfach nicht mehr verleugnen. Überall sah er Botschaften. Ein Penner in einer Seitenstraße sprach ihn mit merkwürdig glühenden Augen gezielt auf seine Jugenderlebnisse an, Prostituierte vor einem Nachtclub machten immer wieder Gesten in seine Richtung, Gesten, die genau dieselben Schläge nachempfanden, mit denen er im Heim misshandelt worden war, Verkehrszeichen zeigten statt Straßenkarten und Namen auf einmal alle möglichen persönlichen Daten von ihm. Als er den Strömungen immer noch nicht folgte, las er auf der Neon-Hologramm-Werbefläche eines Reiseveranstalters: „Wir legen Ihnen das gesamte Sonnensystem zu Füßen! Auch für Sie gibt es eine Zukunft da draußen! Nutzen Sie Ihre Chance noch heute, denn jeder hat irgendein fernes Ziel!“ Ihm fielen schlagartig Jennifers Worte wieder ein, und da wusste er, wohin die Stadt ihn lenken wollte.
Deep lieferte sich bedingungslos den Energieströmen aus und wurde sogleich hinfort gerissen. Was in den nächsten Augenblicken mit ihm geschah, hätte er nicht beschreiben können, doch nach nur wenigen Sekunden fand er sich meilenweit weg in Nephilim Cross, seinem Heimatviertel im Lower-North-Sector wieder. Das Dröhnen in seinen Ohren war so laut wie nie zuvor, ein Flüstern, welches mit brüllender Intensität erklang. Wie von Fieberkrämpfen geschüttelt begab er sich in den Untergrund. Bebend und mit Schweißperlen auf der Stirn betrat er die Subtube-Station Santa Gabriel.
Zunken Deep hatte den Eindruck, durch einen längst verdrängten Albtraum zu wandeln. Sein Körper fühlte sich taub und ausgehöhlt an, während er mit marionettengleichen Schritten durch Gänge und über Bahnsteige stakste und sich vorkam, als ob er diesen Ort vor drei Jahren nie verlassen hätte. Die zischenden Antriebsgeräusche der Bahnen schnitten sofort in seinen Geist wie Peitschenhiebe in weiches Fleisch. Er war wieder heimgekommen, heim in das Zentrum der alles verschlingenden Stadt.
Immer tiefer drang Deep in die Untergrundstation vor, hastete durch endlose, pechschwarze Tunnels, durch verlassene und schmutzige Servicebereiche, in denen es von Ratten nur so wimmelte, und kroch durch Lüftungsschächte bis ihm die Hände bluteten. Die Stadt fraß ihn erneut bei lebendigem Leib, trieb ihn unbarmherzig durch ihre Hauptschlagader und entlang ihres Pulses bis tief hinab zum Mittelpunkt ihres Seins. Er verlor jegliche Orientierung. Nur das schrille Flüstern in seinen Ohren blieb. Dann stieß er die letzte Tür zum letzten Raum auf, der von Menschenhand gebaut worden war.
Blendendes Licht empfing ihn. Und bleierne Stille. Das Dröhnen hatte so abrupt aufgehört, als ob jemand einen Schalter umgelegt hätte. Zunken Deep machte vorsichtig ein paar Schritte in den Raum hinein und hielt dabei schützend die Hände vor das Gesicht. Als sich seine Augen an die strahlende Helligkeit zu gewöhnen begannen, registrierte er als erstes viele armdicke Lichtfaserkabelstränge, die sich am Boden entlang wanden: es mussten hunderte sein – sie bedeckten beinahe die gesamte Fläche des Plastolitefußbodens. Nachdem er weitere Sekunden abgewartet hatte und erkannte, dass er in einer kleinen Halle stand, an deren Rückwand mächtige, hellblau schimmernde Generatoren lautlos ihren Dienst verrichteten, sah er zwischen den Maschinen eine Art Gitterkäfig und eine aufgerichtete Liege darin. Ein leblos wirkender Körper war auf der Liege festgeschnallt. Im nächsten Moment entrang sich ein erstickter Schrei Deeps Kehle.
„Jennifer!“ Er hechtete vorwärts, sprang über die Kabelstränge und stand nur Atemzüge später vor dem Käfig. Hektisch rüttelte er an den Gittern, schrie immer wieder ihren Namen, doch sie schien bewusstlos. An ihren ausgestreckten Armen waren Leitungen befestigt, und er bemerkte entsetzt, dass die Leitungen sogar in den Venen der Handgelenke seiner Freundin steckten. Blau pulsierende Energie floss in ihren Körper. Da öffnete sie unvermittelt die Augen und blickte ihn an.
„Z… Zunken? Um Himmelswillen … Zunken! Du hättest nicht … kommen dürfen! Mach, dass du wieder … verschwindest … schnell!“ Ihre Stimme klang brüchig, es lag blanke Furcht darin. Sie sah völlig ausgemergelt aus.
„Jenny … Baby!“ Panisch riss Deep an dem Gitter herum, fand jedoch keinen Öffnungsmechanismus. „Was läuft hier? Wer hat dir das angetan?“ Während er wie wahnsinnig versuchte sie zu befreien, wurde ihr Gesichtsausdruck immer verzweifelter.
„Geh, Zunken … sofort … ich flehe dich an. Geh … BITTE!“ Er tobte wie besessen.
„Jenny … nein … nein … das kann unmöglich wahr sein. Ich werde dich nicht hier zurücklassen … Oh Gott … bitte …“ Er brach in Tränen aus, begann zu schreien, begann zu wimmern. „Jenny … ich hole Hilfe und komme dann wieder. Wer auch immer das getan hat, wird dafür büßen!“ Sie schüttelte den Kopf.
„Du … darfst nicht zurückkommen! Zunken … hör mir zu …“, hauchte sie kraftlos. „Es geht hier gar nicht um mich … es geht um dich! Einzig und allein dich will sie haben. Ich habe dich damals ihrem Griff entrissen … habe all die Jahre einen hohen Preis dafür gezahlt … Doch jetzt will sie dich wiederhaben.“ Er wollte ihr nicht zuhören, wollte sie nur da rausholen und mit ihr von diesem schrecklichen Ort fliehen. Doch tief in seinem Inneren wusste er, was sie meinte – die Stadt hatte ihn niemals losgelassen. „Zunken …“, er konnte ihr Flüstern kaum noch verstehen, „… schlimme Dinge werden passieren. Sie hat dich nur hierher gelockt … um dich zu zermürben … sodass die Schwärze leichter Besitz von dir … ergreifen kann.“
„Nein Jenny, das … Sag so etwas nicht, bitte …“ Seine Stimme zitterte.
„Doch, Zunken … es ist so. Vergiss niemals dein Ziel, das du schon damals vor Augen hattest, als wir uns das erste Mal trafen. Auch wenn es … noch so fern scheint. Es wird uns vor diesem Kreislauf retten.“ Er starrte sie an und presste sein Gesicht gegen das Gitter.
„Ich weiß nicht wovon du redest, Babe. Ich hatte damals gar nichts. Du warst mein Ziel! Ich habe dich gesucht und gefunden!“ Sie lächelte schwach.
„Ich weiß … Und ich würde immer wieder dasselbe für dich tun, Zunken … Immer! Verliere niemals den Glauben daran … sonst wird sie dich eines Tages ganz verschlingen. Dann gäbe es keine Zukunft mehr … für uns. Für niemanden. Die Menschheit vertraut auf dich, Zunken. Das … hat sie schon immer getan.“ Die junge Frau hustete. „Jetzt geh …“
„NEIN! Jenny, ich …“, aber bevor sein Ruf verhallt war, hörte er das Dröhnen der Stadt. Dicke Kabelstränge erhoben sich vom Boden und formten eine riesige Hand, deren Finger zuerst seine Beine festhielten, dann seinen Körper umschlangen. Die Hand hob ihn empor, wirbelte ihn wie einen Fetzen Papier im Wind in der Halle umher und schleuderte ihn durch die Luft, so dass er auf die blau leuchtenden Generatoren zuflog. Deep wusste nicht, ob er selbst schrie, oder ob es seine Freundin war. Er flog und flog, bis ihn schließlich die strahlend blaue Helligkeit umfing und ihn wie in einem Strudel gefangen hielt. Der starke Sog zog ihn noch viel tiefer in das gigantische Wesen der Stadt hinein, tiefer, als er es jemals für möglich gehalten hätte. Er verband sich mit ihr, wurde eins mit den Straßen, den Gebäuden, mit den Maschinen, den Fahrzeugen und den pulsierenden Energieströmen. Für die Dauer eines Herzschlags war er omnipräsent. Er wusste. Aber da war tief in seinem letzten Rest Selbst ein Punkt, der einem Leuchtfeuer glich. Ein Punkt, der unablässig nach ihm rief, ihn nicht verzweifeln ließ und ihm Halt bot, wie ein Anker im Sturm. An diesen Punkt hielt er sich, riss sich los von dem allmächtigen Strudel der Stadt, entwand sich unter Schmerzen ihren Klauen.
Zunken Deep schoss zurück an die Oberfläche wie ein Ertrinkender. Er rang nach Luft. Wie besessen hetzte er zurück durch schmutzige Räume, rannte finstere Tunnels entlang und stieß unendlich viele Türen auf, bis er zum Schluss aus einem Lüftungsschacht fiel und auf dem belebten Bahnsteig der Santa Gabriel-Station landete. Desorientiert und mit verschwommenem Blick sah er jemanden auf sich zukommen. Es war eine junge Frau. Sie sprach ihn an.
„Mein Name ist Jenny. Ich glaube, du brauchst dringend Hilfe, Kleiner. Komm mit mir. Du kannst vorerst bei mir bleiben, bis es dir wieder besser geht.“ Deep starrte sie an und ergriff zögernd ihre Hand. Sie lächelte, und in diesem Moment war er wiedergeboren.
Doch ihm fielen sofort die Narben an ihren Handgelenken auf …